Loveparade-Katastrophe: Warum Angehörige für einen Strafprozess kämpfen

Er starb im Gedränge an der Rampe, die zum Loveparade-Gelände führte. Mein Sohn Christian wollte einen schönen Tag mit Freunden verbringen und dann war er tot.
— Gabi Müller, Mutter von Christian, einem der 21 Toten beim Loveparade-Unglück 2010

Video: „Das muss doch aufgeklärt werden."

Sechs Jahre nach der Loveparade-Katastrophe fordern Hinterbliebene und Betroffene der Massenpanik einen, aus ihrer Sicht, überfälligen Strafprozess. Mit 362.834 Unterschriften in der Hand reisten die Familienmitglieder der Toten und Betroffene diesen Montag zum Oberlandesgericht Düsseldorf. Die Initiatoren aus Deutschland, Italien und Spanien reichten ihre Change.org-Petition beim Gericht ein.

Die Übergabe der 362.834 Unterschriften.

Am 24. Juli 2010 kam es zu einer Massenpanik beim Techno-Festival in Duisburg. 21 Menschen kamen ums Leben. Mehr als 600 Besucherinnen und Besucher wurden verletzt. Viele leiden bis heute unter den Folgen des Unglücks.

Die Unterschriftenübergabe beim Oberlandesgericht Düsseldorf ist der bisher wichtigste Tag einer langen, intensiven Kampagne. Initiiert wurde die Petition von Gabi Müller. Die Frisörin aus Hamm kommt nicht zur Ruhe. Ihr Sohn Christian, ein Hotelfachmann, der 2010 gerade dabei war, sein Abitur zu machen, starb im Gedränge hinter dem Tunnel.

Sie sagt heute, sie hatte schon immer eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Sohn. Auch nach seinem Tod schicke er ihr immer wieder Zeichen. Als sie am 6. Jahrestag mit dem Auto zur Gedenkstätte fuhr, erklang sein Lieblingslied im Autoradio. Bis heute sucht sie den alten Güterbahnhof in Duisburg auf, um Christian gemeinsam mit seinen Freunden zu gedenken.

Video: „Gerechtigkeit für unseren Sohn!” 

Seit sechs Jahren suchen die Familien Antworten, hoffen auf Gerechtigkeit für ihre toten Kinder. Kurz nach der Katastrophe versprechen Politiker “lückenlose Aufklärung”, dann laufen über sechs Jahre Ermittlungen. Ein Gutachter und Panikforscher aus Großbritannien wird beauftragt. Doch Anfang April dieses Jahres dann der Schock: Das Gutachten soll schwere Mängel haben. Nach einem Beschluss des Duisburger Landgerichts soll es daher keinen Strafprozess geben. Die Anklage wird nicht zur Hauptverhandlung zugelassen. Die Begründung der Richter: Mangel an Beweisen. Dies ist einer der Momente, der für die Angehörigen kaum in Worte zu fassen ist: „Es ist, als sei mein Sohn noch einmal gestorben,” sagt Gabi Müller. 

Sie erklärt im Video, was sie selbst in diesen Momenten weitermachen lässt:

Video: „Wenn es mir schlecht geht, lese ich die Kommentare der Zeichner.” 

Frau Müller möchte unbedingt einen Strafprozess erwirken, weil es noch so viele Lücken gibt. Nur in einem Strafprozess, nicht in einem Zivilprozess, werden alle Akten geöffnet und Beweise vorgetragen. Es ist die letzte Chance für die Hinterbliebenen, Antworten auf ihre drängendsten Fragen zu erhalten: Was ist die Wahrheit? Was ist Minute für Minute am schicksalshaften Sommertag im Juli 2010 geschehen? Was sind die Hintergründe der Tragödie? Auch spanische und italienische Angehörige der Opfer sind zur Unterschriftenübergabe angereist. Francisco Zapater und Nadia Zanacchi führen die Kampagne in ihren Heimatländern. Ihre Töchter sind damals ebenfalls im Gedränge ums Leben gekommen. Gemeinsam kämpfen sie dafür, dass der Prozess gegen die Verantwortlichen der Love-Parade eröffnet wird. 

Entgegengenommen wurden die Unterschriften von der Verwaltung des Gerichts. Der Pressesprecher Andreas Vitek sagte: „Wie auch die anwaltlichen Vertreter der Hinterbliebenen zum Ausdruck gebracht haben, kann und wird der zuständige Senat unabhängig von der Petition ausschließlich nach Recht und Gesetz über die Beschwerde entscheiden."

Das Medienecho am Tag der Übergabe ist groß, Medienvertreterinnen und -vertreter sind vor Ort und wollen mit den Hinterbliebenen sprechen.

Screenshot: Tagesschau

Es ist ihr anzusehen, dass es für Gabi Müller kein einfacher Weg bis hierher war. Aber der große Zuspruch der Petitionsunterzeichnerinnen und -zeichner auf Change.org habe sie sehr gestärkt. All das konnte sie sich anfangs selbst nicht vorstellen:

Video: „Danke, ich bin überwältigt.” 

Nun muss in den kommenden Monaten das Oberlandesgericht Düsseldorf entscheiden. Gabi Müller und die anderen Angehörigen haben eine Botschaft an Menschen, die in einer ähnlichen Situation stecken:

Video: „Man muss sich wehren. Ich hatte auch Angst, aber es bewirkt Positives, wenn man kämpft."

Hier könnt Ihr Euch die gesamte Übergabe noch einmal anschauen:

Für weitere Informationen über diese Kampagne klickt hier oder schickt eine E-Mail an jgusko [ät] change [Punkt] org.

PS: Change.org-Petitionen können jetzt eingebettet werden. Jede Nennung einer Kampagne kann jetzt mit einem Bild begleitet werden (so wie Sie Tweets zu einem Thema in einem Artikel einbetten können). Wie das genau geht erfahren Sie in unserer Schritt-für-Schritt-Anleitung hier.