Wie Change.org wächst und dabei seinen Zielen treu bleibt

Letztes Jahr bekam ich eine besorgte E-Mail von einem Freund, der ein erfolgreicher Internetunternehmer ist. Er hatte mich kürzlich öffentlich sagen hören, dass wir Change.org niemals verkaufen oder an die Börse bringen würden und dass wir uns stattdessen verpflichten, eine unabhängiges, wertebasiertes Unternehmen zu bleiben mit Fokus auf sozialen Wandel. Er hatte auch gehört, dass wir Finanzierungsangebote von einigen der weltweit führenden Risikokapitalgeber abgelehnt hatten, weil sie nicht genau zu unseren Zielen und Werten passten.

Er schrieb mir, ich sei wohl verrückt.

Ich schrieb ihm natürlich zurück. Und ich schrieb, dass ich seine Bedenken zwar nachvollziehen könnte. Aber mir sei es wichtiger, ein Unternehmen aufzubauen, das auf nachhaltigen Wandel abzielt und dass das bedeutet, Dinge anders zu machen. Dazu gehört, wie wir das Unternehmen aufbauen und von wem wir Investitionen annehmen.

Das war nicht das erste Mal, dass ich auf Unverständnis gestoßen bin. Ich habe Change.org 2006 als Non-Profit-Organisation gegründet, aber entschieden, es vor unserem Launch in ein Social Business umzuwandeln. Mir war klar geworden, dass wenn wir eine Plattform bauen und schnell wachsen lassen wollten, die es aushält, hunderte Millionen von Menschen dabei zu unterstützen, sich für sozialen Wandel einzusetzen, dass wir diesen Menschen besser behilflich sein könnten, wenn wir als Unternehmen und nicht als Non-Profit-Organisation strukturiert sind.

Seitdem haben Leute versucht, uns in bestehende Schubladen zu stecken, die schlicht nicht mehr zeitgemäß sind. Im Non-Profit-Sektor können viele nicht verstehen, warum wir ein Unternehmen sind, wenn wir uns doch so sehr für Veränderung einsetzen. Viele Unternehmer und Geschäftsleute finden es schwer zu verstehen, warum wir auf andere Dinge schauen als auf maximalen finanziellen Erfolg.

Dieses Unverständnis rührt vorallem daher, dass das Feld von Sozialunternehmen noch in seinen Kinderschuhen steckt. Während es weltweit bereits einige herausragende Sozialunternehmen gibt, ist dieses Modell von sozialem Wandel noch immer nicht weit verbreitet oder bekannt. Aber das wird es bald sein - und wir sehen bereits selbst, was mit diesem Ansatz alles möglich ist.

In den vergangenen zwei Jahren sind wir von einer Million auf mehr als 40 Millionen Nutzer gewachsen. Wir haben in 18 Länder expandiert und jeden Tag sind Menschen mit ihren Kampagnen und Anliegen erfolgreich. Sie verhindern, dass ländliche Schulen in Thailand geschlossen werden. Sie engagieren sich für breitere Fahrradwege in Buenos Aires oder sichern die Gesundheitsversorgung für Feuerwehrleute in den USA.

Was diesen Erfolg trägt ist unser skalierbares Finanzierungsmodell, das nachhaltigen Wert für andere Organisationen schafft - in erster Linie für Non-Profit-Organisationen und politische Kampagnen. Es ermöglicht uns, ein Weltklasse-Team von 170 Menschen zu beschäftigen, die kostenlose Werkzeuge bauen und kostenlos Millionen Menschen mit Know-How unterstützen, die weltweit versuchen, sozialen Wandel anzustoßen.

Uns war immer bewusst, dass wir mit zusätzlichen Mitteln sogar noch schneller vorankommen könnten. Als Unternehmen haben wir besseren Zugang zu Investitionen als Non-Profit-Organisationen. Aber eine Herausforderung, die sich uns stellte, war, dass es zwar wenige Unternehmen gibt, die in diesem Sektor global agieren; es gibt aber noch weniger Investoren, die bisher das Potenzial sozialer Unternehmen erkannt haben.

Eine bemerkenswerte Ausnahme ist das Omidyar Network, ein Pionier für wertebasierte Investitionen. Gestartet vom ebay-Gründer Pierre Omidyar ist das Omidyar Network einer der ersten Investoren, der sowohl Non-Profit-Organisationen als auch Sozialunternehmen Anschubfinanzierungen gibt. Dort hat man verstanden, dass manche soziale Herausforderungen effektiver von Unternehmen angegangen werden können, als von Non-Profit-Organisationen.

Diese einzigartige Struktur erlaubt dem Omidyar Network, innovative Non-Profit-Organisationen die wie Geld-Verleih-Plattform Kiva und sozial wertvolle Unternehmen wie Meetup zu fördern.

Vor mehr als einen Jahr begannen wir, mit den Leuten bei Omidyar Network über unsere jeweiligen Vorstellungen zu sprechen und haben viele Gemeinsamkeiten festgestellt.

Wie wir glauben sie an die Macht der Vielen überall auf der Welt, Veränderungen anzustoßen, wenn sie nur die Möglichkeit dazu bekommen. Aber anders als andere Investoren verstehen sie auch unsere Struktur bei Change.org: dass wir niemals verkaufen oder an die Börse gehen wollen. Und sie erkennen an und respektieren, dass unser Gründerteam die Kontrolle über die Unternehmung behalten und sicherstellen will, das wir unseren Zielen treu bleiben.

Dank dieser zahlreichen Übereinstimmungen freue ich mich sagen zu können, dass wir eine Investition in Höhe von 15 Millionen Dollar Omidyar Network einwerben konnten. Sie wurden begleitet von Investoren wie Uprising, einem neuen sozialen Investmentfonds.

In den vergangenen Jahren hatten wir die Vision einer ausgedehnten Technologieplattform, von der wir sicher sein können, dass sie die Machtgefüge in der Welt demokratisieren kann. Und nun verfügen wir über die Ressourcen, um ein Produkt zu entwickeln und ein Entwicklerteam zu beschäftigen, das diese Idee Wirklichkeit werden lässt.

In den nächsten Monaten werden wir Tools bauen, die Hunderte Millionen Menschen weltweit effektiv unterstützen. Wir werden unser bestehendes Instrumentarium verbessern, das Menschen in die Lage versetzt, auf unserer Plattform Bewegungen zu starten. Wir werden das Nutzererlebnis auf der Plattform personalisieren, um Menschen noch besser mit den Themen und Organisationen in Kontakt zu bringen, die ihnen wichtig sind. Wir werden sicherstellen, dass Menschen sich über jedes Endgerät organisieren können und wir werden auch völlig neue, disruptive Werkzeuge für bürgerschaftliches Engagement entwickeln.

Auf unserem Weg dahin werden wir weiterhin Dinge tun, von denen manche Menschen vielleicht denken, dass sie verrückt sind. Wir werden uns weiterhin ausschließlich auf unsere Ziele konzentrieren. Wir werden in Bereichen investieren, von denen manche Menschen denken werden, dass sie niemals finanzielle Erträge abwerfen und wir werden weiterhin unsere Unabhängigkeit wahren.

Das bedeutet nicht, dass uns praktische Dinge wie finanzieller Ertrag gleichgültig sind. Im Gegenteil: Wir werden weiterhin daran arbeiten, Organisationen Bezahlangebote zu machen, die ihnen einen Mehrwert bieten. Wir können unsere Vision von der Befähigung zu bürgerschaftlichem Engagement nur erreichen, wenn wir unseren Umsatz weiterhin so entwickeln, dass wir damit das Wachstum unserer Plattform und das unseres Mitarbeiterstabs finanzieren können. Aber der Umsatz ist Mittel zum Zweck, nicht der Zweck selbst.

Obwohl dieser wertegebunde Ansatz derzeit noch ungewöhnlich sein mag, denke ich, dass er nach und nach immer häufiger anzutreffen sein wird. Ich glaube, dass die vielversprechendsten Chancen für sozialen Wandel darin liegen, die Kraft von Unternehmen für die Lösung der großen sozialen und ökologischen Probleme einzuspannen. Wir möchten zeigen, dass es möglich ist, ein erfolgreiches Technologieunternehmen aufzubauen, das sich auf gesellschaftliche Veränderung spezialisiert. Und währenddessen ermuntern und inspirieren wir - zusammen mit einer wachsenden Anzahl erfolgreicher Sozialunternehmen - hoffentlich eine immer größere Zahl von Unternehmen, Investoren und Partnern, sich dieser wachsenden Bewegung  anzuschließen.

Wenn es etwas gibt, was mich bezüglich des Potenzials dieses Bruchs mit der traditionellen Art Unternehmen zu führen besonders hoffnungsvoll stimmt, dann ist das die Begeisterung, die ich bei jungen Menschen beobachte, wenn sie von neuen Wegen erfahren, in dieser Gesellschaft einen Unterschied zu machen.

Ich habe das erst vor Kurzem erlebt, als ich an der Stanford Universität eine Rede vor den neuen Erstsemestern hielt, darunter Studenten aus dutzenden Ländern.

Eine junge Frau kam danach zu mir und sagte, dass alle Leute, die sie getroffen hatte, an wichtigen sozialen Problemen arbeiten wollten. Sie fragte mich, ob ich nicht Sorge hätte, dass zukünftig nicht genügend Menschen bereit wären, in „normalen” Unternehmen zu arbeiten.

Ich meinte, das sei derzeit kein Problem aber ich hoffte, wir könnten dazu beitragen, dass es eines wird, wenn sie ihren Abschluss macht.

Manche werden das vielleicht verrückt nennen. Aber es ist auch verrückt anzunehmen, dass Menschen überall auf der Welt nationale Gesetze und das Verhalten multinationaler Konzerne mit einem einfachen Petitionswerkzeug verändern können. Und trotzdem passiert genau das jeden Tag auf Change.org überall auf der Welt. Und wir fangen gerade erst an.